Es tut gut, das Gewohnte zu verlassen

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Anja bei der Arbeit

Vergangenen Sommer bewirtschafteten die beiden Frutigerinnen Anja Stoller und Viviane Tschanz einen Betrieb mit rund 50 Kühen oberhalb von Saanen auf der Gummalp. Zuvor hatten sie mit dem Bauernhandwerk nicht viel am Hut.
Eine Art Sprung ins kalte Wasser also, der für die jungen Frauen weit entfernt von Alphüttenromantik war. «Hope» hat die beiden auf der Alp besucht.

Vor sechs Jahren hatte Viviane Tschanz zum ersten Mal den Traum, während eines Sommers eine Alp zu pflegen. Die Idee tauchte in ihrem Kopf immer wieder Mal auf, jedoch ohne dass Viviane ihr Bedeutung schenkte. Die ermutigenden Worte einer engen Kollegin waren es schliesslich, die Viviane dazu brachten, sich ihren doch etwas aussergewöhnlichen Traum zu erfüllen. An dieser Stelle kommt Anja Stoller ins Spiel: Anja und Viviane wohnen gemeinsam in einer WG in Frutigen. Als Kind ging Anja viel in die Berge und half im Winter immer wieder bei befreundeten Bauernfamilien auf deren Hof. Als Viviane Anja von ihrem Vorhaben erzählte, entschloss sich diese, sie zu begleiten. «Zu Beginn sagte ich eigentlich mehr aus Spass zu», präzisiert Anja. «Aber ich stehe zu meinem Wort.»

Im Dezember letzten Jahres starteten Anja und Viviane ihr Abenteuer mit einem Online-Inserat. Noch etwas unsicher, ob sich überhaupt jemand melden würde, staunten die jungen Frauen nicht schlecht, als bereits 30 Minuten später ein erstes Angebot auf dem Tisch lag. «Nach drei Tagen mussten wir das Inserat vom Netz nehmen, da wir bereits dutzende Angebote erhalten hatten.» Ihr neues Zuhause für gut drei Monate wurde schliesslich die Gummalp bei Saanen. Hier hatten es die beiden Frauen allerdings nicht immer einfach: «Die erste Woche hat mich am stärksten herausgefordert», sagt Viviane Tschanz, der das Bauernhandwerk nicht vertraut war. Sie sei anfänglich noch etwas ängstlich im Umgang mit den Kühen gewesen. «Manchmal muss man sich seiner Angst stellen, um einen Traum verwirklichen zu können.» Das Losbinden der Kühe sei am ersten Tag beinahe unmöglich gewesen und bereits am zweiten Tag habe es einen Schaden bei einer Milchleitung im Stall gegeben.

«Manchmal muss man sich im Leben seiner Angst stellen,
um sich einen Traum verwirklichen zu können.»

Schon sehr bald hätten sie eine starke Verantwortung für «ihre Kühe» verspürt, erzählt Viviane. Dennoch sei es vorgekommen, dass ein Tier auf der Wiese vergessen ging. In solchen und anderen heiklen Fällen kam ihnen oftmals der Alpbesitzer zur Hilfe, welcher mit seiner Frau im Haus nebenan den Sommer verbrachte. «Wir wussten, dass es hier keine Alphüttenromantik geben wird, sondern viel harte Arbeit. Allerdings kommen wir rein gar nicht zum Lesen, da wir am Abend einfach zu müde von der Arbeit sind», erklären die beiden Frauen. Es gebe allerdings auch viele schöne Aspekte, so komme man endlich mal weg vom Alltag. Man könne in Ruhe seiner Arbeit nachgehen. «Der Umgang mit den Kühen stärkt das Selbstvertrauen. Die Tiere geben so viel zurück, wenn man sie gut behandelt», so ihr Verdikt. Da man nie genau wisse, was ein Tag bringe, werde man zudem zwangsläufig flexibel. Sie seien unzählige Male über ihre Grenzen hinausgegangen, was sie zu Hause nicht getan hätten. Beide sind sich einig: «Es tut gut, das Gewohnte zu verlassen.»

«Wir wussten, dass es hier keine Alphüttenromantik
geben wird, sondern viel harte Arbeit.»

Trotz der vielen Herausforderungen auf der Gummalp, die oftmals auch körperlich bedingt gewesen seien, war Aufgeben für Anja und Viviane nie eine Option. Als grosse Hilfe erlebten sie dabei immer wieder das Reden mit Gott. In der Praxis hiess das: Wenn eine Kuh bockig war, beteten sie erst einmal, bevor sie zum Chef rannten. Sie durften durch ihren Glauben und ihr Vertrauen in Gott deshalb immer wieder Wunder erleben. So auch als Anja eines Morgens im Stall das Horn einer Kuh knapp ins Auge geriet. Die beiden Frauen haben während ihres spannenden Sommerjobs viel über sich selbst herausgefunden, aber auch viel Neues dazugelernt. Eine Sache, die ihnen auf der Alp allerdings jeden Tag neu klar wurde: Gott ist in der Natur und in den wunderbaren Details seiner Schöpfung zu finden. (bho.)

Anja Stoller und Viviane Tschanz

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