«Hoffnung ist ein Schlüssel»

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Roman Lanz

Er hat einiges zu stemmen in Kandergrund: Gemeindepräsident Roman Lanz (60). Der zweifache Vater arbeitet als Carosserieleiter in einem Autohaus. Er sieht sich nah bei den Leuten und hat die Zukunft im Blick – ohne das, was war und ist auszublenden.

Herr Lanz, Sie sind seit 2017 Gemeindepräsident von Kandergrund. Wie kamen Sie in die Politik?
Das Vereinsleben war mein Eintrittstor. Turnverein, Schützenverein oder Kindergarten: Überall habe ich schnell und gern Verantwortung übernommen. Mein Engagement in der Wasserversorgung hat mich 2011 in den Gemeinderat geführt. Im Ressort «Bildung» hatte ich viel mit Menschen zu tun und durfte mich mit sozialen Belangen beschäftigen. Dabei bekam ich auch Einblick ins Engagement von Schulsozialarbeitern und Jugendarbeitern. Das hat mir, dem Techniker, gutgetan und in der politischen Laufbahn geholfen. Zuvor hatte ich geglaubt, das Soziale höhle unser System aus. Diese Haltung musste ich korrigieren. Ich habe mich in verschiedenen Kommissionen eingesetzt, während acht Jahren auch im Kirchgemeinderat, davon vier Jahre als Präsident.

Ihre Wurzeln liegen nicht im Berner Oberland, bekamen Sie dies zu spüren?
Ich bin gebürtiger Oberaargauer und lebe seit 1984 in Kandergrund. Bei meinem Eintritt in den Gemeinderat gab es auch einen Gegenkandidaten. Das war wichtig für mich. Ich wollte wissen, ob die Bevölkerung hinter mir steht, also befürwortet, dass ein Auswärtiger in diesem Gremium sitzt. Ich wurde lange Zeit als «Aargauer» bezeichnet und damit auch geneckt.

Wie motivieren Sie (junge) Leute für ein Ehrenamt oder den Einstieg in die Politik?
Wir sind in der glücklichen Lage, dass sich die Bevölkerung stark mit der Gemeinde(politik) identifiziert. Bei geht es weniger um Parteipolitik – ich bin parteilos – als vielmehr um die einzelnen Geschäfte. Die Leute sind sehr darauf bedacht, ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Dadurch müssen sie sich auch den Spiegel vorhalten lassen, Verantwortung übernehmen und Dinge selbst anpacken. Es finden sich immer wieder Personen, die das tun. In den Kommissionen ist es manchmal etwas schwieriger. Den jungen Menschen versuche ich, ein Vorbild zu sein. Wie damals meinen Töchtern (30 und 32) zeige ich ihnen das Privileg auf, in unserem Land mitbestimmen und seine Meinung kundtun zu können. In keinem anderen Land der Welt ist das in diesem Mass möglich. Nur abstimmen müssen sie selbst, das geht bei uns auch elektronisch.

Mit der geplanten Räumung des Munitionsdepots in Mitholz und der Umsiedlung der Bevölkerung ab 2025 sind Sie gefordert. Wie gehen Sie damit um?
Es besteht ein Graben zwischen Mitholz und Kandergrund – es sind zwei Dorfteile, aber wir sind eine Gemeinde. Da wird immer etwas hineingetragen und es ist schwierig, von einer Einheit zu reden. Wir Kandergrunder versuchen den Betroffenen zu helfen, ein neues Zuhause aufzubauen. Dabei ist es wichtig, die Menschen zu spüren. Wo drückt der Schuh, welche Wünsche sind da? Bei der Explosion in Mitholz 1947 haben Familien ihre Liebsten verloren, oft wurde dieser Schmerz über Jahrzehnte verdrängt. Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken, totschweigen bringt uns nicht weiter. Es gilt nun, an künftige Generationen zu denken und die Sache beherzt anzupacken.  Ich verstehe die alten Menschen, die das Räumungsprojekt nicht mehr miterleben möchten. Jedoch: Von wem möchten sie lieber aus dem Haus geführt werden – vom Gemeindepräsidenten oder von der Polizei? Als optimistisch denkender Mensch versuche ich aus solchen Schwierigkeiten stets das Beste herauszufiltern und positive Aspekte zu vermitteln. Das ist mein Antrieb.

Roman Lanz

Schützenhilfe haben Sie dabei von Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Wie kam es dazu?
Ich kannte ihn bereits von «Freizeit & Sport». Als vor bald vier Jahren das Geschäft «Mitholz» auf den Tisch kam, suchte er mich auf und bot mir seine Unterstützung an. Es hilft mir sehr, zu wissen, dass ich nicht allein unterwegs bin. Ogi hat mir einige Weisheiten mitgegeben. Dazu gehört auch sein Motto «4 M»: Man muss Menschen mögen! Stets hat er Freundlichkeit, Offenheit und Transparenz gelebt und zählte wohl auch deshalb zu den beliebtesten Bundesräten. Sein Reden und Handeln haben mich geprägt, er ist mir generell ein grosses Vorbild. Ich versuche ihm nachzueifern; bezüglich Mitholz etwa durch die Einladung der Leute des VBS, sich vor Ort ein Bild von der Situation zu verschaffen. So konnten sie auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung gehen. Das hat die Menschen berührt, sie fühlten sich wahr- und ernstgenommen. Es entstand eine andere Grundlage für Diskussionen.

Was macht für Sie ein erfolgreiches Leben aus?
Wenn man eine Familie hat und einen Beruf, den man gern ausübt. Wenn man Freundschaften pflegen kann, dann darf man sich glücklich schätzen. Damit Beziehungen in der Familie gelingen, sind alle gefordert, ihren Teil dazu beizutragen. Ich bin ein Typ, der das sucht, ein Gemeinschaftsmensch. Allein steige ich nicht aufs Bike oder gehe joggen. Es geht in den wenigsten Fällen um mich, sondern um andere. Egoismus liegt mir fern. Dieses Ausgerichtet sein auf den Nächsten, zählt zu den christlichen Werten, die man im Elternhaus lernt.

Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung und Halt im Leben?
Hoffnung finde ich in meiner Familie und im Freundeskreis. Sie geben mir Kraft und Energie. Ohne diese Menschen wäre ich nicht in der Lage, all meine Aufgaben zu stemmen. Auch Menschen, die mich mahnen und warnen, höre ich zu. Diese Signale helfen mir, in der Spur zu bleiben. Ich bin dankbar, dass in der Verwaltung und im Gemeinderat keine Grabenkämpfe bestehen. Wir arbeiten sehr kollegial miteinander. Jeder Mensch braucht eine Perspektive, damit es weitergehen kann. Hoffnung ist ein Schlüssel. Ich versuche, nicht zu oft von früher zu reden, fokussiere mich auf die Zukunft und möchte sie aktiv gestalten. Dazu zählt das Loslassen können. Meine Schwiegermutter hat dies Kraft ihres Glaubens eindrücklich vorgelebt, als es etwa um das Fortbestehen des Hofs ging. Keiner wollte ihn übernehmen. Verpachten und warten kam für sie nicht infrage. Lieber veräusserte sie ihn an eine junge Familie, die ihn weiterentwickeln und sich eine eigene Existenz aufbauen konnte. Das bedeutet für mich Hoffnung und Perspektive, wenn man sich nicht an die Dinge klammert, sondern offen ist für Neues.

Haben Sie noch Hoffnung für diese Welt?
Ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, versuche das Glas stets halb voll zu sehen. Aber es schmerzt mich, dass wir mit unserem Wissen und Fortschritt im 21. Jahrhundert nicht in der Lage sind, besser zu handeln. Es gelingt uns nicht, die Mosaiksteinchen des Wissens dieser Welt zusammenzubringen. Es gibt mehr Kriege als je zuvor. Wir driften völlig auseinander. Vielen Menschen geht es in dieser Krisenzeit nicht gut. Das äussert sich auch in grosser Ungeduld. Wenn sie 14 Tage auf ein Auto warten müssen, bricht für sie eine Welt zusammen. Ein Auto ist neben einem Haus das teuerste Luxusgut! Viele Leute haben für ihr Mitmenschen, für die Gesellschaft, für den Bundesrat nur noch Kritik übrig. Das ist diesen Verantwortungsträgern gegenüber nicht fair. Die direkte Demokratie geht zu weit, immer mehr Menschen können mit diesem Mitspracherecht nicht mehr umgehen. Ich vermisse Besonnenheit und Dankbarkeit. Dennoch will ich meinen Glauben an eine Zukunft bewahren und hoffen, dass auch unserer Kinder noch eine schöne Zeit erleben dürfen.

ZUR PERSON
Einer meiner absoluten Lieblingsplätze in Kandergrund:
Golitschenalp
Meine Lieblingsbeschäftigung an verregneten (Sonntag-)nachmittagen:
Pendenzen aufarbeiten oder einfach mal nichts tun und die Seele baumeln lassen.
Meine Lieblingsmusik:
Volkstümliche Schlager und Jodellieder
Auf diese App möchte ich auf keinen Fall verzichten:
Schwinger-App

ZUR SERIE
Sie engagieren sich für das Wohl der Bevölkerung und sind Hoffnungsträger: Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten. In den «Hope»- Zeitungen lassen wir einige von ihnen zu Wort kommen und fühlen ihnen den Puls.

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